Lombardkredit: Liquidität aus dem Depot, ohne eine Aktie zu verkaufen
- Warum ein Verkauf Sie mehr kostet als die Steuer - und wie viel genau, am Beispiel eines Depots über 1,5 Mio. €
- Mit welcher Beleihungsquote Sie auch einen Crash wie 2008 ohne Nachschussforderung überstehen
- Ab welcher Depotrendite sich der Kredit rechnet - und wann Sie besser doch verkaufen
- Fünf Situationen, in denen Unternehmer und Investoren mit einem Lombardrahmen handlungsfähig bleiben
Sie haben über Jahre ein Depot aufgebaut, das arbeitet. Dann braucht es Liquidität: für den Eigenkapitalanteil einer Immobilie, für eine Beteiligung, die jetzt und nicht in sechs Monaten zu haben ist, für eine Steuerzahlung oder den Wareneinkauf vor dem Jahresendgeschäft. Der Reflex ist, zu verkaufen. Genau dieser Reflex kostet Sie mehr, als die meisten Anleger überschlagen - nicht nur die Steuer beim Verkauf, sondern alles, was das verkaufte Kapital in den folgenden Jahren noch verdient hätte.
Vermögende Familien lösen dieses Problem seit Jahrhunderten anders: Sie verkaufen ihre besten Werte nicht, sie beleihen sie. Das Instrument dafür heißt Lombardkredit. Es war lange ein Privileg der Privatbanken-Kundschaft. Heute steht es jedem offen, der ein ausreichend großes Wertpapierdepot besitzt - und die Konditionen sind bei der richtigen Wahl des Instituts deutlich besser, als viele annehmen.
Was ein Lombardkredit ist - in drei Sätzen
Ein Lombardkredit ist ein Darlehen, für das Sie Ihre Wertpapiere, Edelmetalle oder andere liquide Vermögenswerte als Sicherheit verpfänden. Die Bank bewertet jede Position mit einem Beleihungswert - einem Abschlag auf den Kurswert, der umso größer ausfällt, je schwankungsanfälliger das Wertpapier ist. Bis zu diesem Beleihungswert können Sie Kredit abrufen, flexibel, ohne festen Tilgungsplan und meist ohne Zweckbindung.
Der Name stammt aus der Lombardei: Kaufleute und Bankiers in Norditalien hinterlegten im Spätmittelalter Waren, Schmuck und Handelspapiere, um kurzfristig an Geld zu kommen. Das Prinzip hat sich seither nicht verändert. Verändert hat sich, wer Zugang dazu hat.
Was Sie ein Verkauf wirklich kostet
Die sichtbaren Kosten eines Verkaufs sind die Steuer. Die unsichtbaren sind größer. Ein Beispiel, das die Rechnung vollständig macht:
Sie halten ein breit gestreutes Depot im Wert von 1,5 Mio. €, eingekauft für 700.000 €. Sie brauchen 300.000 € Liquidität. Gerechnet wird mit 26,375 % Abgeltungsteuer inklusive Solidaritätszuschlag, ohne Kirchensteuer, mit 7 % Depotrendite pro Jahr und 4,5 % Kreditzins.
Die letzte Zahl ist die, die im Moment der Entscheidung niemand sieht. Das verkaufte Kapital fehlt nicht nur heute, es fehlt in jedem einzelnen Jahr danach - mit Zinseszins.
Mit einem Lombardkredit bleibt das Depot vollständig investiert. Sie rufen 300.000 € ab, zahlen 13.500 € Zinsen im Jahr und lösen keine Steuer aus, weil ein Kredit kein Veräußerungsgeschäft ist. Der faire Vergleich rechnet nach zehn Jahren beide Depots vollständig ab, also einschließlich der dann fälligen Steuer auf alle Kursgewinne, und zieht beim Lombard-Szenario Kredit und sämtliche Zinsen ab:
Depot 1,5 Mio. €, Liquiditätsbedarf 300.000 €, Rendite 7 % p. a., Kreditzins 4,5 %, Abgeltungsteuer 26,375 %
+113.588 € für Sie - nach Steuern, nach Rückzahlung des Kredits und nach 135.000 € Zinsen.
Der Vorsprung entsteht aus zwei Quellen: Das Kapital, das Sie sonst verkauft hätten, verdient weiter mehr, als der Kredit kostet. Und die Steuer, die Sie heute nicht zahlen, bleibt bis zum späteren Verkauf in Ihrem Depot und arbeitet dort für Sie. Die Steuer ist damit aufgeschoben, nicht erlassen - aber aufgeschobene Steuer ist ein zinsloses Darlehen des Staates.
Die Rechnung hat eine Bedingung
Ein Lombardkredit ist kein Automatismus zu mehr Vermögen. Er lohnt sich unter einer Voraussetzung: Ihr Depot muss nach Kosten mehr erwirtschaften, als der Kredit kostet. Dieselbe Rechnung mit anderen Renditeannahmen zeigt, wo die Grenze liegt:
| Depotrendite p. a. | Verkaufen | Beleihen | Ihr Vorteil |
|---|---|---|---|
| 3,0 % | 1.280.416 € | 1.233.813 € | −46.603 € |
| 4,5 % (= Kreditzins) | 1.457.556 € | 1.464.686 € | +7.130 € |
| 7,0 % | 1.808.510 € | 1.922.098 € | +113.588 € |
| 9,0 % | 2.147.628 € | 2.364.082 € | +216.454 € |
Vermögen nach zehn Jahren, nach vollständiger Versteuerung, Kredit zurückgezahlt. Zinsen werden aus laufenden Einnahmen bedient. Eigene Berechnung.
Die Faustregel ist einfach: Liegt die realistisch erwartete Rendite Ihres Depots über dem Kreditzins, arbeitet der Kredit für Sie. Liegt sie darunter, ist der Verkauf trotz Steuer die bessere Wahl. Wer ein Depot aus Anleihen mit 3 % Rendite beleiht, um Liquidität zu 4,5 % zu bekommen, zahlt drauf.
Daraus folgt auch, warum die Wahl des Instituts so viel Gewicht hat. Privatbanken berechnen typischerweise 2 bis 4 Prozentpunkte Aufschlag auf den Referenzzins, dazu Depotgebühren von 0,2 bis 0,5 % pro Jahr. Große Online-Broker liegen häufig bei 0,5 bis 1,5 Prozentpunkten Aufschlag, gestaffelt nach Volumen, oft ohne Depotgebühr. Auf 300.000 € Kredit ist ein Prozentpunkt Zinsdifferenz 3.000 € im Jahr - über zehn Jahre 30.000 €, die Sie nicht verdienen müssen, um im Plus zu sein.
Wie viel Sie beleihen sollten - und wie viel Sie könnten
Das eigentliche Risiko eines Lombardkredits ist nicht der Zins, sondern der Kurs. Fällt Ihr Depot so stark, dass der Kredit den Beleihungswert übersteigt, fordert die Bank zusätzliche Sicherheiten oder eine Teilrückzahlung. Bei Online-Brokern geschieht das oft ohne Vorwarnung: Der Algorithmus verkauft Positionen automatisch, mitten im Kurstief. Genau das, was Sie mit dem Kredit vermeiden wollten, passiert dann im ungünstigsten Moment.
Wie weit Ihr Depot fallen darf, hängt von zwei Größen ab: dem Beleihungswert, den die Bank ansetzt, und dem Anteil davon, den Sie tatsächlich nutzen. Typische Richtwerte für den Beleihungswert, abhängig vom Institut:
| Sicherheit | Typischer Beleihungswert | Einordnung |
|---|---|---|
| Geldmarkt, kurzlaufende Staatsanleihen | 80-95 % | Kaum Schwankung, geringe Rendite |
| Breit gestreute Aktien-ETFs | 60-70 % | Das Fundament für einen Lombardrahmen |
| Standardwerte (Blue Chips) | 50-70 % | Je nach Einzeltitel und Klumpenrisiko |
| Physisches Gold | 70-80 % | Stabile Sicherheit, aber ohne laufenden Ertrag |
| Immobilie (Beleihung) | 50-60 % | Günstig, aber illiquide Verwertung |
| Volatile Einzelwerte | 0-50 % | Häufig gar nicht oder nur gering beleihbar |
| Bitcoin, Ether | nur konservativ | Korrekturen von 50-70 % ohne Vorwarnung |
Entscheidend ist nicht, was die Bank Ihnen maximal gewährt, sondern welchen Anteil Ihres Depotwerts Sie tatsächlich als Kredit ziehen - die Loan-to-Value (LTV). Bei einem Beleihungswert von 60 % ergibt sich daraus, wie tief das Depot fallen darf, bevor eine Nachschussforderung kommt:
| Ihre Auslastung (LTV) | Kursrückgang bis Nachschuss | Was das bedeutet |
|---|---|---|
| 20 % | −66,7 % | Hält selbst die Finanzkrise 2008/09 aus |
| 30 % | −50,0 % | Robust, aber ein Crash wie 2008 würde die Grenze erreichen |
| 45 % | −25,0 % | Ein normaler Bärenmarkt reicht aus |
Formel: zulässiger Kursrückgang = 1 − LTV ÷ Beleihungswert. Bei 70 % Beleihungswert verschieben sich die Schwellen auf −71,4 %, −57,1 % und −35,7 %.
Zur Einordnung: Breite Weltaktienindizes haben in der Finanzkrise 2008/09 in der Spitze gut die Hälfte ihres Werts verloren, im Corona-Crash 2020 rund ein Drittel. Eine Auslastung von 20 bis 30 % ist deshalb die Zone, in der Sie nachts ruhig schlafen: Das Nachschussrisiko wird so gering, dass der Kredit Ihnen dient, statt Sie zu steuern. Alles darüber ist kein Liquiditätsinstrument mehr, sondern eine gehebelte Wette.
Fünf Situationen, in denen ein Lombardrahmen Sie handlungsfähig macht
1. Die Gelegenheit, die nicht wartet. Eine Unternehmensbeteiligung, ein Private-Markets-Deal, eine Immobilie unter Marktwert: Solche Chancen haben Fristen von Tagen, nicht Monaten. Ein eingerichteter Lombardrahmen ist abrufbar, bevor der Wettbewerber seinen Bankberater erreicht hat. Sie verhandeln als Käufer mit gesicherter Finanzierung - und das verändert den Preis.
2. Die Brücke bis zum Geldeingang. Der Verkaufserlös einer Immobilie kommt in vier Monaten, die neue muss jetzt bezahlt werden. Eine Ausschüttung aus einer Beteiligung verzögert sich. Statt Wertpapiere zu verkaufen und später teurer zurückzukaufen, überbrücken Sie mit dem Kredit und lösen ihn mit dem Geldeingang ab.
3. Die Steuerzahlung ohne Notverkauf. Eine hohe Nachzahlung, eine Erbschaftsteuer, eine Schenkungsteuer: Wer dafür in einem schwachen Markt verkaufen muss, realisiert Verluste zum schlechtesten Zeitpunkt. Mit einem Kredit bestimmen Sie selbst, wann Sie verkaufen - nicht der Fälligkeitstermin.
4. Das Treasury Ihres Unternehmens. Liegen im Unternehmen Rücklagen, die über Jahre nicht gebraucht werden, können sie in breiten ETFs oder kurzlaufenden Anleihen investiert bleiben. Kommt ein saisonaler Finanzierungsbedarf - etwa der Wareneinkauf vor dem Weihnachtsgeschäft -, ziehen Sie ihn aus dem Lombardrahmen und tilgen ihn aus dem Cashflow des Folgequartals. Im Betriebsvermögen sind die Zinsen grundsätzlich als Betriebsausgabe abziehbar, im Privatvermögen dagegen in aller Regel nicht, weil die Abgeltungsteuer den Werbungskostenabzug ausschließt.
5. Der Lebensstandard nach dem Exit. Wer ein Unternehmen verkauft und den Erlös angelegt hat, muss seine Ausgaben nicht zwingend über laufende Verkäufe decken. Ein kleiner Teil kann über einen konservativ ausgelasteten Kredit laufen, während das Depot wächst. Wichtig ist die ehrliche Einordnung: Anders als in den USA werden in Deutschland unrealisierte Gewinne im Erbfall zwar nicht mit Einkommensteuer belegt, unterliegen aber der Erbschaftsteuer. Das amerikanische Muster „kaufen, beleihen, vererben“ lässt sich deshalb nicht eins zu eins übertragen.
Was ein Lombardkredit nicht ist
Einige Darstellungen im Netz verkaufen den Lombardkredit als Weg, Vermögen vor dem Finanzamt unsichtbar zu machen. Das ist falsch und gefährlich. Depots bei ausländischen Brokern werden über den automatischen Informationsaustausch (Common Reporting Standard der OECD) an das Finanzamt Ihres steuerlichen Wohnsitzes gemeldet. Der Vorteil des Lombardkredits ist legal und nachvollziehbar: Sie verschieben den Zeitpunkt der Besteuerung, weil Sie nichts verkaufen. Mehr braucht es nicht, damit sich die Rechnung lohnt.
Ebenso wenig ist er ein Instrument für jede Lebenslage. Wer Liquidität dauerhaft braucht, statt vorübergehend, baut mit einem Kredit nur eine wachsende Verbindlichkeit auf. Wer nachts wach liegt, wenn der Markt fällt, sollte die Auslastung eher bei 10 als bei 30 % halten. Und wer die Zinsen nicht aus laufenden Einnahmen bedienen kann, muss sie aus dem Depot entnehmen - das funktioniert, verringert aber den Vorteil.
So richten Sie einen Lombardrahmen ein, bevor Sie ihn brauchen
Der größte Fehler ist, den Kredit erst zu beantragen, wenn das Geld gebraucht wird. Dann fehlt die Zeit, Konditionen zu vergleichen, und die Verhandlungsposition ist schwach. Besser ist die umgekehrte Reihenfolge:
Erstens: Sicherheiten ordnen. Welcher Teil Ihres Vermögens ist breit gestreut und liquide genug, um einen hohen Beleihungswert zu erhalten? Oft lohnt es sich, Klumpen in Einzeltiteln abzubauen, bevor man beleiht - aus Risiko- und aus Beleihungsgründen.
Zweitens: Konditionen vergleichen. Referenzzins, Aufschlag, Depotgebühren, Beleihungswerte je Wertpapier und - oft übersehen - das Verfahren bei Unterdeckung: Ruft die Bank an und gibt eine Frist, oder verkauft ein Algorithmus sofort?
Drittens: Auslastungsgrenze festlegen. Schreiben Sie Ihre persönliche Obergrenze auf, bevor Sie den ersten Euro ziehen. 20 bis 30 % des Depotwerts sind ein bewährter Rahmen. Diese Grenze ist Ihr wichtigster Schutz vor der eigenen Euphorie in guten Jahren.
Viertens: Rückführung planen. Aus welchem Geldeingang wird der Kredit getilgt - Ausschüttungen, Unternehmens-Cashflow, ein geplanter Verkauf? Ein Lombardkredit ohne Rückführungsplan ist kein Instrument, sondern eine Hoffnung.
Weiterführend: Steuerintelligente Vermögensarchitektur - wie Sie den Zeitpunkt der Besteuerung zum Teil Ihrer Strategie machen - und Verkaufserlös richtig anlegen für die Zeit nach dem Exit.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ist keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung. Die Berechnungen sind vereinfachte Modellrechnungen mit angenommenen Renditen; tatsächliche Kursverläufe, Zinsen und Beleihungswerte weichen ab. Die steuerlichen Hinweise beziehen sich auf in Deutschland unbeschränkt Steuerpflichtige (§ 20, § 32d EStG). Ein Lombardkredit kann bei fallenden Kursen zu Nachschussforderungen und Zwangsverkäufen führen. Lassen Sie Ihre persönliche Situation vor einer Entscheidung individuell prüfen.
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